Rituale, Zeremonien, Gebet - Transzendenzerfahrung

Rituale, Zeremonien und Gebet erfüllen die Ursehnsucht des Menschen nach Transzendenzerfahrung – nach der Erfahrung von Einheit

Aufgrund der Vara Deeksha Mala kamen wiederholt Fragen dieser Art: “Was ist ein Ritual?”, “Und was ist eine Zeremonie?”, “Wie passt ein Gebet in dieses Umfeld?” und und und… Es ist “gleich”, wohin man auf der Welt schaut: Bestimmte Aspekte sind allen diesen “Werkzeugen” ähnlich inne… So mag dieser Beitrag als Beispiel angesehen werden, wie Rituale/Zeremonien/Gebete wirken und welchen Platz sie einnehmen können. Vielleicht weckt der Beitrag Interesse, auch bei den Native American, in Neuseeland, Australien, bei den Inuit, in Skandinavien, in der Mongolei - und bei uns im eigenen Lande - weiterzu”forschen”… In the one heart…

Rituale (hier als immer gleich bleibende Ausführungen von tradierten Handlungen) und Zeremonien (hier als einmalige Ausführungen von individuell kreierten Handlungen) stellen erfahrbare Verbindungen her zwischen dem/den Menschen und der Schöpfung – und dabei immer auch mit dem Schöpfer/dem Absoluten/Gott…

Rituale und Zeremonien sind „uralt“ und zuhause in allen Kulturen und auf allen Kontinenten. Sie haben ihre Bedeutung im täglichen Leben – heute mehr oder weniger intensiv. Teilweise sind sie völlig in Vergessenheit geraten. Dennoch gibt es keine Kultur, in der nicht Wurzeln von Ritualen und Zeremonien vorhanden sind.

Menschen werden durch Rituale und Zeremonien in tiefsten Ebenen, jenseits des Verstandes, berührt und kommen in persönliche Erfahrungen mit dem Sein. Rituale und Zeremonien sind eine Urform der Kommunikation zwischen Mensch und dem, was „größer ist als er selbst“. Sie verbinden zur Einheit…

Rituale und Zeremonien begleiten durch Lebensphasen und aktuelle Situationen, sie klären, initiieren und unterstützen Heilung, sie stärken und machen Einheit/Eins-Sein erfahrbar.

Gebet und Rituale sowie Zeremonien begleiten sich. Gebete als „aus-gesprochene“ oder in sich still gesprochene „Handlung“ können durch Handlungen wie Rituale und Zeremonien „erfahrbare, ganzheitliche Kommunikation“ werden – ebenso wie Rituale und Zeremonien durch das Wort vertieft werden können.

Über Rituale und Zeremonien, hier Beispielhaftes aus Westafrika
Malidoma Patrice Somé gehört zum Stamm der Dagara in Burkina Faso, dem früheren Obervolta in Westafrika. „Malidoma“ bedeutet in seiner Stammessprache „Sei Freund dem Fremden“. Somé ist Schamane, Wissenschaftler und Autor. Er besitzt drei Master´s Degrees und zwei Doktorate von der Sorbonne in Paris und der Brandeis-Universität in Welthans, Massachusetts.

In seinem Buch „Die Kraft des Rituals. Afrikanische Traditionen für die westliche Welt“ schreibt Malidoma Patrice Somé über die Dimensionen von Ritualen, über unsere Rolle bei Ritual und Zeremonie, über Ritual und Gemeinschaft, über die Struktur des Rituals, und er gibt verschiedene Beispiele für Rituale. Ebenfalls deutlich gemacht wird der Verlust, den westliche Kulturen erfahren haben, indem sie sich ihrer Rituale beraubten. Exemplarisch für Rituale weltweit werden nachfolgend Aspekte aus diesem Buch angegeben. Die Wortwahl lehnt sich sehr eng an die von Somé an. (Eine spezielle Anmerkung zum Verständnis: Unter „Geisterwelt“ kann man auch die „transzendente Welt“ verstehen.)

Über die Dimensionen von Ritualen

Rituale haben bei den Dagara verschiedene Dimensionen:

Gemeinschaftsrituale: An ihnen teilzunehmen ist jedes erwachsene Mitglied des Dorfes verpflichtet. Diese Versammlungen dienen dem Bedürfnis der Dorfgemeinschaft, sich ihrer Einheit unter Führung eines Geistes zu vergewissern (…sei es Tigan, das Erdheiligtum; Dawera, das Naturheiligtum; Namwin, der höchste Gott).

Familienrituale: Eine kleinere Gemeinschaft ehrt bestimmte Geister im Namen der Einheit der Familie oder aus anderen Gründen. Nur die anfangs genannten Gemeinschaftsrituale garantieren die Wirksamkeit dieser halb privaten Familienrituale. Familienrituale werden unter der Leitung des Familienoberhauptes und in Gegenwart aller schon für sich selbst verantwortlichen Familienmitglieder durchgeführt. Jede initiierte Person gilt als verantwortlich und muss den Familienritualen beiwohnen.

Einzelrituale: Von den Gemeinschaftsritualen und von den Familienritualen leiten sich schließlich die Einzelrituale ab. Einzelrituale sind genau so wichtig wie Familien- und Gemeinschaftsrituale.
Alle Rituale sind voneinander abhängig, auch wenn es so aussieht, als seien sie voneinander getrennt. Ein von einer Gemeinschaft durchgeführtes Ritual setzt eine bestimmte Energie frei, die andere Rituale auf Familien- und individueller Ebene ermöglicht.

Die Hierarchie der Rituale ist keinesfalls willkürlich. Wenn die alljährlichen Dorfrituale nicht durchgeführt werden, bleiben alle anderen Rituale unwirksam. Individuelle rituelle Pflichten können die Gemeinschaftspflichten nicht ersetzen und umgekehrt.

Jemand, der mit Familienritualen verpflichtet ist, kann die Verpflichtung der Gemeinschaftsrituale nicht erfüllen. Wir alle sind der kosmischen Ordnung verpflichtet, und es ist auf dieser Ebene unmöglich, für andere zu tun, was diese für sich selbst tun müssen. Wir sind der kosmischen Ordnung verpflichtet, weil wir individuell und kollektiv für ihre Aufrechterhaltung verantwortlich sind. Jeder Mensch ist auf diesen „Erde“ genannten Außenposten gesandt, um an einem Projekt mitzuarbeiten, das dem Wohl der kosmischen Ordnung dient. Jeder Mensch, der seine Pflichten versäumt, stört die energetische Ordnung des Kosmos.

Der Wegfall des Rituals in der modernen Kultur

Aus der Sicht der Dagara drückt sich der Rückzug, ja das Verschwinden des Rituals in der modernen Kultur auf verschiedene Weise aus:

in der Schwächung der Verbindung zur Geisterwelt,
in einer allgemeinen Entfremdung des Menschen von sich selbst
und von seinen Mitmenschen.
Es stehen auch keine Ältesten zur Verfügung, die einem Menschen durch Initiation helfen können, sich an seine wichtige Aufgabe in der Gemeinschaft zu erinnern.

Den Dagara ist jeder Überfluss verdächtig. Ein im Überfluss lebender Mensch ist ein zu weltlicher Mensch, als dass er der Härte des Lebens noch gewachsen wäre. Und seine Haltung wird dann zur Einstellung einer ganzen Gesellschaft. Der einzige Ort, wo Überfluss berechtigt ist, ist die Natur. Ein Verschwender beleidigt die Götter.

In der Stammessprache der Dagara gibt es kein Äquivalent für das Wort „Zeit“. So bewegen sich für einen Ältesten die Menschen in der modernen Gesellschaft, die sich in dauernder Bewegung befinden, von etwas weg, was sie selbst nicht sehen möchten oder von dem andere nicht wollen, dass sie es sehen. Eile ist ein Mittel, uns Dingen zu entziehen, denen wir uns nicht stellen wollen. Deshalb laufen wir vor all diesen Symptomen und ihren Ursachen davon, die gar nicht schön anzusehen sind.

Um uns unseren Ängsten stellen zu können, müssen wir uns daran erinnern, wie Rituale durchgeführt werden. Und um uns daran zu erinnern, wie Rituale durchgeführt werden, müssen wir unser Tempo verlangsamen.

Die Stammeswelt „sieht hin“ – während die industrielle Welt „übersieht“.

Der Archetypus des indigenen Menschen in jedem von uns

Die indigenen Menschen sind indigen, weil keine Maschinen zwischen ihnen und ihren Göttern stehen. Es gibt keine Maschinen, die das Tor zur Geisterwelt blockieren. Man kann immer in die Geisterwelt eintreten und darauf horchen, was drinnen, in den Tiefenschichten der Seele, vor sich geht. Man schwingt mit der Natur mit. Wo Maschinen anstelle von Göttern sprechen, fällt es dem Menschen schwer zuzuhören und erst recht, mit dem Reich der Natur mitzuschwingen.

Somé: „Wenn ich zu Menschen über die Überzeugungen und Realitäten der Stammeswelt spreche, stoße ich regelmäßig auf Zuhörer, die von meinen Worten so berührt, ja erschüttert sind, dass ich annehmen muss, ich habe nicht so sehr ihre Köpfe als vielmehr ihre Herzen erreicht. In ihren Herzen habe ich etwas erweckt – was schon immer da gewesen ist. Das sagt mir, dass es in jedem von uns einen indigenen Menschen geben muss.
Dieser indigene Archetypus in der Modernen Seele ist aber ein Archetypus, der unbedingt Anerkennung braucht. Dort, innerhalb der Persönlichkeit, gelten ganz andere Prioritäten, Prioritäten, die in den modernen Kulturen längst vergessen sind. Menschen, die mit diesem Archetypus in Berührung kommen, suchen nach Liebe. Ihr Geist sucht über den Stress hinauszukommen, (…). Solche Menschen schämen sich nicht, ihren Hunger nach Transzendenz auszudrücken – und das sind die Menschen, die Rituale brauchen.“

Schmerz und Ritual

Die menschlichen Sinne sind Kommunikationskanäle. Das Sehen ist eine Sprache, ebenso der Schmerz, die Berührung, der Geruch und der Geschmackssinn. Die stärkste Empfindung ist der Schmerz. Für die Ältesten der Dagara ist Schmerz die Folge des Widerstandes gegenüber etwas Neuem – dem eine alte Regelung nicht mehr angemessen ist.

Wir bestehen aus Schichten erlebter Situationen, also aus Erfahrungen. Jede Erfahrung bezieht einen bestimmten Raum in uns und wohnt darin. Es ist wie ein Territorium. Eine neue Erfahrung, die noch keinen Platz in uns gefunden hat, wo sie wohnen könnte, muss eine alte hinauswerfen. Und diese alte möchte natürlich nicht weichen, wehrt sich gegen die neue, und das Ergebnis wird von uns als Schmerz registriert.

Deshalb nennen die Ältesten den Schmerz „Tuo“. Das bedeutet Invasion einer fremden Macht, Gejagt-Werden, harte Konfrontation. Es bedeutet auch Begrenzung. Schmerz ist, dass sich unser Körper auch über einen Eindringling beklagt. Und diese Beschwerde des Körpers lässt sich als Mitteilung der Seele an uns verstehen. Eine von Schmerz erfüllte Person wird von einem Teil ihrer selbst angesprochen, der sich nur auf diese Art bemerkbar zu machen weiß.

Wenn daher ein initiiertes Mitglied der Gemeinschaft sich durch einen Schmerz angesprochen fühlt, ist das ein Signal, dass seine Seele die Vereinigung mit ihrem spirituellen Gegenüber sucht. Mit anderen Worten, die Seele wirft alte Möbel aus der Wohnung und stellt neue hinein. Ob das im Endeffekt gut ausgeht, ist eine andere Frage. Denn wir erlauben uns nicht immer, den Schmerz auch wirklich durchzuarbeiten. Meist glauben wir, er sei ein Zeichen, das wir möglichst schnell beseitigen müssen, statt seine Quelle ausfindig zu machen.

Aber unsere Seele hasst Stagnation. Unsere Seele strebt nach Wachstum, das heißt, sie möchte sich an all das erinnern, was wir beim Ausflug an diesen Erdenort vergessen haben. In diesem Sinn ist ein schmerzerfüllter Körper gleichbedeutend mit einer von Sehnsucht erfüllten Seele. Den Schmerz zu beseitigen hieße, den Ruf der Seele abzuwürgen. So etwas wäre eine repressive Maßnahme gegen das eigene Selbst, was immer intensive Folgen hat.

Könnte man also sagen, Schmerz ist gut? Vor allem, weil er eine Aufforderung zum Wachsen ist? Die Ältesten der Dagara würden mit Ja antworten. Sie glauben, ein Mensch, der bewusst gelitten hat, ist ein Mensch, der auf seinen Schmerz gehört hat (der „Tuo“ bestanden hat). Dieser Mensch hört den Schmerz und versteht ihn als schöpferische Tätigkeit. Der Schmerz verbindet ihn mit seinem höchsten Selbst, und dieses verordnet ihm eine Alternative zum spirituellen Tod. Schmerz lehrt uns jedenfalls etwas. Er ist Erschütterung, Gefühl und eine Aufforderung zur Wiedergeburt. Er lehrt uns, zu einem Daseinsstil zurückzukehren, der mit dem Dasein selbst begonnen hat. Und er bezieht aus Natur und Kosmos eine Lebensessenz, die sich auf die Mächte des Daseins auszurichten sucht.

Ein solches Leben haben die alten Stämme über Tausende von Jahren geführt. Und der Erfolg dieses Lebensstils zeigt sich in der Tatsache, dass die ganze Person Lebensspielraum darin hat. Das heißt, die Welt des Fortschritts und ihre unersättliche Tendenz zum Konsum ist wie jemand, der sich für unentbehrlich hält. Sie nährt sich von allem Lebendigen und macht aus dem Menschen einen Sklaven in Fesseln, überfüttert mit materiellen Dingen, aber darbend an allem Sonstigen.

In diesem Sinn ist das Ritual eine Rückkehr zum „Alten“ (zum Eins-Sein), eine Bitte um Hilfe an die Geisterwelt (Transzendenz).

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